Kapitel 9 – Freier Wille und Loslassen

Ein Exkurs zwischen Schritt 2 und Schritt 3 – wie zwei Dinge, die sich widersprechen, zusammenpassen

Ich habe diese Frage nicht gelöst. Das sage ich gleich am Anfang, damit wir uns nichts vormachen. Ich habe sie umgedreht, von verschiedenen Seiten angeschaut, mit ihr geschlafen, sie beiseitegelegt, bin wieder zu ihr zurückgekehrt. Sie ist nicht kleiner geworden. Aber ich glaube, ich habe verstanden, warum sie sich so hartnäckig anfühlt. Und das ist vielleicht das Ehrlichste, was ich dir anbieten kann.

Der Widerspruch klingt so: Einerseits sagt dieses Buch: Du hast einen freien Willen. Du entscheidest, auf welcher Seite du stehst. Das Böse passiert, weil Menschen sich falsch entscheiden – und das ist möglich, weil Freiheit bedeutet, dass auch die falsche Wahl offen steht. Du bist nicht Opfer eines Plans. Du bist Akteur. Andererseits sagt Schritt 3: Lass los. Übergib deinen Willen. Hör auf zu kontrollieren. Vertrau einer Kraft, die größer ist als du. Das klingt wie: Entscheide dich – aber entscheide dich, nicht zu entscheiden. Handle – aber tu nichts. Sei verantwortlich – aber gib die Verantwortung ab. Kein Wunder, dass man hier stecken bleibt.

Aber ich glaube, die beiden Sätze sprechen über zwei verschiedene Dinge. Freier Wille ist die Frage: Welche Richtung wähle ich? Loslassen ist die Frage: Wer trägt das Ergebnis? Das sind nicht dieselbe Frage.

Ein Beispiel. Nicht aus der großen Weltgeschichte, sondern aus dem Alltag, der dieses Buch betrifft. Du hast einen Menschen in deinem Leben, dem du etwas Wichtiges sagen müsstest. Etwas Ehrliches. Etwas, das ihn vielleicht verletzt, aber das stimmt. Du weißt, dass es das Richtige wäre – nicht weil es dir nützt, sondern weil es ihm nützt. Du entscheidest dich, es zu sagen. Das ist dein freier Wille. Du wählst die Seite der Ehrlichkeit. Und dann: Er reagiert schlecht. Er zieht sich zurück. Er dankt es dir nicht. Vielleicht verlierst du ihn. Hier setzt die Sucht ein. Der Mechanismus, den wir kennen, sagt sofort: Siehst du? Ehrlichkeit lohnt sich nicht. Das nächste Mal sagst du, was er hören will. Das nächste Mal passt du dich an. Loslassen bedeutet nicht, dass du die Entscheidung anders treffen sollst. Es bedeutet, dass du das Ergebnis nicht trägst. Dass es etwas gibt – die höhere Macht, wie du sie verstehst – das trägt, was nach der richtigen Entscheidung kommt, auch wenn das Ergebnis ausbleibt. Du entscheidest die Richtung. Das Ergebnis gehört dir nicht.

Jetzt das Schwierige. Wenn du gerade nicht die Kraft für die dunkelste aller Fragen hast, darfst du die nächsten Absätze überspringen und beim Zwischentitel »Warum das für Bestätigungssucht entscheidend ist« weiterlesen. Es geht auch ohne sie.

Denn hier lässt sich etwas nicht umgehen, woran jeder Gottesbegriff sich stößt: das Leid der Unschuldigen. Menschen, die das Schlimmste erleiden – nicht weil sie etwas getan haben, sondern weil andere ihren freien Willen für das Böse benutzt haben. Warum greift die höhere Macht nicht ein? Ich habe dafür keine Antwort, die den Schmerz aufwiegt. Ich werde keine erfinden.

Es gibt einen Trend, der gut gemeint ist und trotzdem etwas Gefährliches tut. Er sagt: Täter sind auch Opfer. Wer Böses tut, hat selbst Böses erfahren. Hinter jedem Terroristen steckt ein enttäuschtes Kind, ein gebrochener Mensch, ein System, das ihn erzeugt hat. Das stimmt oft. Und es reicht nicht.

Elie Wiesel, der Auschwitz überlebt hat und sein Leben lang mit Gott gerungen hat – nicht von ihm gelassen, aber auch nie aufgehört zu fragen – hat sinngemäß geschrieben: Ein Glaube, der keine Anklage kennt, ist kein Glaube. Er ist Schlaf. Das ist kein frommer Satz. Das ist ein Satz, der aus dem Äußersten kommt. Von jemandem, der das Recht hatte, Gott anzuklagen – und es getan hat. Laut. Öffentlich. Bis ans Ende seines Lebens. Und genau deshalb trägt er.

Denn wenn wir den Täter vollständig zum Opfer machen – wenn wir sein Handeln restlos aus seiner Geschichte erklären – dann tun wir zwei Dinge gleichzeitig: Wir nehmen ihm den freien Willen. Und wir nehmen den echten Opfern den Raum, Opfer zu sein. Das ist keine Gerechtigkeit. Das ist eine neue Form der Unsichtbarkeit. Die Frau, die vergewaltigt wurde, braucht keine Erklärung für den Täter. Sie braucht Zeugen für das, was ihr angetan wurde. Sie braucht Anklage – laut, klar, ohne Relativierung. Und der Täter – ja, er hat vielleicht eine Geschichte. Ja, vielleicht wurde auch er einmal nicht gesehen, nicht geliebt, nicht getragen. Das darf wahr sein. Aber es erklärt nicht. Es entschuldigt nicht. Es hebt die Entscheidung nicht auf, die er getroffen hat. Freier Wille bedeutet auch das: dass ein Mensch, der Böses erfahren hat, sich trotzdem entscheiden kann. Für die andere Seite. Die Geschichte ist kein Urteil. Sie ist ein Kontext – kein Freispruch.

Das ist der Kern, den dieser Begriff der höheren Macht tragen muss: Er muss Gut und Böse unterscheiden können. Nicht als religiöses Dogma. Sondern als moralische Grundlage. Eine höhere Macht, die alles gleich wertvoll findet – Mitgefühl und Grausamkeit, Schutz und Vernichtung – ist keine Macht, der man sich anvertrauen kann. Sie ist Gleichgültigkeit mit spirituellem Anstrich. Die höhere Macht, wie ich sie tastend verstehe, steht auf einer Seite. Sie ist nicht neutral. Und sie verlangt, dass wir es auch nicht sind.

Warum das für Bestätigungssucht entscheidend ist

Menschen mit Bestätigungssucht tun das Richtige oft. Wirklich. Sie sind fürsorglich, ehrlich, hilfsbereit, präsent. Aber sie tun es mit einem heimlichen Kalkül: Wenn ich das Richtige tue, werde ich gesehen. Wenn ich mich für das Gute entscheide, werde ich dafür belohnt. Wenn ich genug gebe, bleibt jemand. Das ist freier Wille im Dienst der Kontrolle. Die richtige Richtung – aber mit dem Ergebnis als Geiseln. Und genau dort, wo die Bestätigung ausbleibt, bricht das System zusammen. Der Mensch, dem du geholfen hast, sagt nicht Danke. Der Partner, dem du alles gegeben hast, geht trotzdem. Die Ehrlichkeit, die dich etwas gekostet hat, wird nicht gewürdigt. Und das Muster sagt: Also war es falsch. Also nächstes Mal anders. Loslassen bedeutet: Die Richtung war trotzdem richtig. Das Ergebnis war nicht deins zu tragen. Das ist keine Passivität. Das ist die schwerste Form von Freiheit, die es gibt. Dich für das Gute zu entscheiden – ohne die Garantie, dass es etwas einbringt.

Was am Ende übrig bleibt

Ich weiß nicht, ob es Gott gibt. Ich weiß nicht, wie man einer Macht vertraut, die Gräuel zulässt. Die zuschaut, wenn das Schlimmste passiert, und nicht eingreift. Ich habe diese Frage nicht gelöst. Ich glaube, man kann sie nicht lösen – und wer sagt, er hat es getan, hat aufgehört, wirklich hinzuschauen. Aber ich weiß, was übrig bleibt, wenn man die Frage offen lässt und trotzdem weiterlebt. Nicht Friede. Nicht Gewissheit. Nicht das Gefühl, dass alles einen Sinn ergibt. Sondern nur das: Ich bin nicht allein damit.

Das ist wenig. Ich weiß. Und manchmal ist es das Einzige, was bleibt, wenn man aufgehört hat zu kämpfen. Wenn die Bestätigung ausgeblieben ist. Wenn die richtige Entscheidung nichts eingebracht hat. Wenn man ehrlich war und es gekostet hat, und niemand es gesehen hat. In diesem Moment – genau diesem – ist die Frage nach Gott nicht theologisch. Sie ist körperlich. Sie lautet nicht: Existiert eine höhere Macht? Sie lautet: Muss ich das alleine tragen? Und die Antwort, die ich gefunden habe – tastend, unfertig, ohne Garantie – ist: Nein. Nicht weil jemand eingreift. Nicht weil das Ergebnis sich wendet. Sondern weil das Tragen selbst sich verändert, wenn man aufhört zu glauben, dass man der Einzige ist, der es stemmt.

Das ist der kleinstmögliche Gottesbegriff. Vielleicht der ehrlichste. Nicht: Eine Macht, die die Welt regiert. Sondern: Das, wovon du nicht allein getragen werden musst. Ich habe das für mich noch nicht abgeschlossen. Vielleicht ist das der ehrlichste Satz in diesem ganzen Buch. Aber ich schreibe weiter. Und das, glaube ich, ist auch eine Entscheidung.