Kapitel 20 – Bestätigung annehmen, ohne abhängig zu sein
Schritt 12 (Fortsetzung): »...und diese Grundsätze in allen unseren Bereichen zu leben.«
Hier muss ein Missverständnis ausgeräumt werden, das sich über das ganze Buch hätte legen können.
Das Ziel ist nicht, keine Bestätigung mehr zu brauchen. Das Ziel ist nicht, ein Mensch zu werden, dem Lob nichts bedeutet, den ein freundlicher Blick kaltlässt, der Anerkennung nicht mehr spürt. Das wäre keine Genesung. Das wäre Panzerung – und Panzerung ist nur die Sucht, die sich als Unabhängigkeit verkleidet.
Bestätigung ist Nahrung. Sie war es immer. Das Problem war nie, dass du sie wolltest. Das Problem war, dass du sie jagen musstest.
Der Unterschied zwischen Empfangen und Jagen ist alles, und er ist spürbar.
Empfangen heißt: Es kommt, und du nimmst es, und es ist schön. Jemand sagt etwas Warmes, und du lässt es da sein, und es wärmt. Dann ist der Moment vorbei, und du brauchst nicht sofort den nächsten.
Jagen heißt: Es kommt, und es ist nie genug. Kaum ist das Lob da, fragst du, ob es ehrlich war, ob mehr kommt, wie du es halten kannst. Der Stoff ist verbraucht, noch während er wirkt, und schon richtest du dich aufs Nächste aus.
Du musst nicht aufhören, dich über Anerkennung zu freuen. Du musst nur merken, an welcher Stelle die Freude in Hunger umkippt. Genau dort, an dieser Kippe, liegt die Arbeit – nicht im Verzicht auf die Freude.
Wie nimmt man etwas an, ohne es festzuhalten?
Man lässt es kommen und lässt es gehen. Jemand lobt deine Arbeit. Du sagst danke, und du meinst es, und du klammerst dich nicht daran. Du legst es nicht auf ein inneres Konto, das beweist, dass du genug bist. Du brauchst diesen Beweis nicht mehr, weil das, was Schritt 11 dir gibt – das stille Genug-Sein, bevor jemand schaut – nicht von diesem Lob abhängt.
Dann ist das Lob frei. Es muss nichts tragen. Es darf einfach ein schöner Moment sein, der vorbeigeht, wie schöne Momente vorbeigehen. Und gerade weil es nichts beweisen muss, kannst du es zum ersten Mal wirklich genießen.
Das ist vielleicht das unerwartetste Geschenk am Ende dieses Weges.
Du dachtest, Genesung würde dir die Bestätigung wegnehmen, an der du hingst. Stattdessen gibt sie sie dir zum ersten Mal ganz – weil sie nicht mehr lebensnotwendig ist. Was du nicht brauchst, kannst du frei empfangen. Was du jagst, kannst du nie wirklich schmecken, weil du schon beim nächsten bist, bevor das erste angekommen ist.
Der Süchtige bekommt viel Bestätigung und ist nie satt. Der Genesende bekommt vielleicht weniger – und es reicht.
Nicht, weil er gelernt hat zu verzichten.
Sondern weil er aufgehört hat zu hungern.
Thomas
Eine Kollegin bedankte sich bei ihm. Nichts Großes – er hatte ihr bei einer Präsentation geholfen, an einem Nachmittag, ohne danach dreimal aufs Handy zu sehen, ob sie es bemerkte.
„Das war wirklich großzügig von dir“, sagte sie. „Danke.“
Früher wäre in diesem Satz ein ganzer Kreislauf gewesen. Das warme Ziehen, sofort gefolgt von der Frage, ob sie es ernst meinte, ob mehr käme, wie er den Moment halten könnte. Er hätte das Danke auf ein inneres Konto gelegt, das beweisen sollte, dass es ihn gab. Und noch während es dort lag, hätte er sich zum nächsten ausgerichtet.
Diesmal sagte er nur: „Gern.“ Und meinte es.
Er ließ das Danke kommen, und er ließ es gehen. Es wärmte kurz, wie ein Danke wärmt, und dann war der Moment vorbei, und – das war das Neue – er brauchte nicht sofort den nächsten. Er ging zurück an seinen Schreibtisch, und die alte Unruhe, das Warten auf mehr, meldete sich nicht.
Er bekam an diesem Nachmittag weniger, als er sich früher geholt hätte. Ein einzelnes Danke, unbewacht, ungejagt. Und es reichte.
Nicht, weil er gelernt hatte zu verzichten. Sondern weil er, zum ersten Mal, nicht hungrig war, als es kam.