Einführung – Die Leere, die jemand anderes füllen soll

Du kennst dieses Gefühl. Nicht unbedingt mit einem Namen. Aber du kennst es.

Es ist das Gefühl, wenn jemand dein Foto liked – und du kurz aufatmest. Wenn eine Nachricht kommt, und der Atem stockt, bevor du weißt, was drinsteht. Wenn jemand deinen Namen sagt, und du dich plötzlich echter fühlst.

Oder: Du denkst an jemanden. Immer wieder. Jemanden, der vielleicht gar nicht weiß, was er in deinem Kopf angerichtet hat. Du baust Gespräche nach, die nie stattgefunden haben. Du stellst dir vor, wie es wäre, wenn er – wenn sie – dich so sehen würde, wie du gesehen werden willst. Vollständig. Endlich.

Vielleicht ist es eine Fantasie. Vielleicht ist es eine Person, die du liebst oder geliebt hast. Vielleicht ist es die Arbeit – ein Lob vom Chef, das kurz alles in Ordnung bringt. Vielleicht ist es Sex, oder die Vorstellung davon: jemand will mich, also bin ich wirklich.

Die Form ist nicht entscheidend. Was zählt, ist das Muster darunter: Du wartest. Du hoffst. Du passt dich an. Du gibst, manchmal mehr als du hast – damit jemand bleibt. Damit jemand schaut. Damit die Leere kurz aufhört, leer zu sein. Und dann hört sie auf. Für einen Moment. Und dann ist sie wieder da.

Manche werden das Wort Sucht lesen und denken: Das ist nicht mein Fall. Ich trinke nicht. Ich nehme nichts. Ich funktioniere doch. Aber Sucht ist kein Lebensstil. Sucht ist ein Mechanismus.

Du brauchst etwas – und du kannst nicht aufhören, es zu suchen, obwohl du weißt, dass es nicht satt macht. Du nimmst mehr, als gut für dich ist. Du leidest, wenn es ausbleibt. Du organisierst dein Leben heimlich darum herum.

Wenn das stimmt – für Blicke, für Nachrichten, für Fantasien, für Lob, für Nähe – dann ist die Frage nach dem Stoff zweitrangig. Der Mechanismus ist derselbe.

Das ist keine Schwäche. Es ist keine Peinlichkeit. Es ist ein Muster – eines, das sich tief eingegraben hat, lange bevor du wusstest, dass es da ist. Meistens damals, als du noch klein warst und gelernt hast: Zuwendung kommt nicht einfach so. Zuwendung muss man verdienen. Oder erzwingen. Oder erschleichen.

Dieses Buch ist für dich, wenn du dieses Muster kennst. Du musst dich nicht als „süchtig“ bezeichnen. Du musst keiner Gruppe angehören, kein Programm machen, keine Diagnose haben. Du musst nur bereit sein, ehrlich hinzuschauen.

Was du hier findest, ist kein Vorwurf. Keine Anleitung zum Bessersein. Sondern eine Einladung – zur Inventur. Zur Stille. Und zu dem, was möglich wird, wenn du aufhörst, auf jemand anderen zu warten.