Kapitel 1 – Stoff, Ritual, Sehnsucht
Es gibt ein Wort, das wir immer wieder benutzen werden: Stoff. Nicht im klinischen Sinn. Nicht als Diagnose. Sondern als das ehrlichste Wort, das wir gefunden haben für das, was passiert, wenn etwas von draußen kommt und sich anfühlt wie das, was innen fehlt.
Der Stoff ist nicht immer derselbe. Für den einen ist es ein Blick, der sagt: Ich sehe dich. Für die andere ist es eine Zahl unter einem Post, die sagt: Du zählst. Für den nächsten ist es das Gesicht eines Menschen, der Hilfe braucht – weil in diesem Gesicht steht: Du bist nötig. Manchmal ist der Stoff ein Körper. Manchmal ein Kommentar. Manchmal ist er das Schweigen eines anderen, das man mit Fürsorge füllt, bis es aufhört, weh zu tun.
Der Stoff wirkt. Das ist das Erste, was man verstehen muss, bevor man urteilt. Er wirkt wirklich. Er nimmt die Enge, für einen Moment. Er hebt das Dumpfe, das da war, bevor er kam. Er gibt etwas, das sich anfühlt wie Ankommen – kurz, vollständig, unbestreitbar. Und dann ist er weg.
Was der Stoff nicht ist: die eigentliche Sehnsucht. Die Sehnsucht liegt tiefer. Sie ist älter als jede Strategie, älter als jede Gewohnheit. Sie fragt nicht nach einem Blick oder einer Zahl oder einem Körper. Sie fragt nach etwas, das sich schwerer benennen lässt, weil es so grundlegend ist, dass wir gelernt haben, nicht danach zu fragen.
Bin ich genug, wenn ich nichts tue? Darf ich existieren, ohne dafür zu leisten? Würde jemand bleiben, wenn er mich wirklich sehen würde?
Das sind keine schwachen Fragen. Das sind die menschlichsten Fragen, die es gibt. Und die meisten von uns haben früh gelernt – durch kleine Momente, nicht durch große Dramen – dass die Antwort unsicher ist. Dass Zuwendung etwas kostet. Dass man sie verdienen muss, halten muss, immer wieder neu rechtfertigen muss.
Aus dieser Unsicherheit wird die Sucht geboren. Nicht aus Schwäche. Aus einem sehr vernünftigen Versuch, mit einer sehr alten Wunde umzugehen.
Und dann ist da das Ritual. Das Ritual ist der Weg zum Stoff. Und es ist wichtig, es so zu nennen – weil es kein Zufall ist, kein Ausrutscher, kein einzelner schwacher Moment. Es ist ein Muster. Wiederholbar, verlässlich, oft unbewusst.
Für manche beginnt es mit einem Laptop in der Dunkelheit. Für andere mit dem Anziehen eines bestimmten Kleides. Mit dem Öffnen einer App. Mit der Frage: Kann ich dir helfen? – die sich aufrichtig anfühlt und es vielleicht auch ist, und trotzdem etwas anderes sucht. Mit dem Formulieren eines Posts, der verletzlich klingt und auf eine bestimmte Reaktion wartet.
Das Ritual gibt das Gefühl von Kontrolle. Ich entscheide, wann ich den Stoff bekomme. Ich kenne den Weg. Ich kann es jederzeit tun. Und genau das macht es so schwer zu sehen. Was sich wie Kontrolle anfühlt, ist Abhängigkeit. Was sich wie eine Entscheidung anfühlt, ist ein Kreislauf. Was sich wie ein Ausweg anfühlt, ist die Falle.
Die Menschen, die du gleich kennenlernen wirst, sind nicht krank. Sie sind nicht kaputt. Sie sind nicht anders als du. Sie haben Strategien entwickelt, um mit der Sehnsucht umzugehen. Strategien, die funktionieren – kurz, zuverlässig, immer wieder. Und die trotzdem nie ankommen, wo sie hin sollen.
Manche von ihnen begegnen sich. Und in diesen Begegnungen passiert etwas Merkwürdiges: Sucht erkennt Sucht. Nicht bewusst. Aber der Stoff des einen passt zum Ritual des anderen, fast wie ein Schlüssel ins Schloss.
Schau genau hin. Irgendwo in diesen Geschichten bist du.
Markus & Julia
Markus
Es beginnt immer mit demselben Moment. Der Laptop auf dem Schoß, das Schlafzimmer dunkel bis auf den Bildschirm. Seine Frau schläft nebenan – oder sie schläft nicht, er hört es nicht mehr nach all den Jahren. Was er hört, ist das kurze Summen des Ladebildschirms. Und dann ist er drin.
Er würde es nicht Ritual nennen. Aber es ist eines. Die Seite, immer dieselbe zuerst, dann die Suche – und die Suche ist das Eigentliche, nicht das Finden. Das Scrollen, das Auswählen, das kurze Verwerfen. Er ist Regisseur in diesem Moment. Niemand enttäuscht ihn. Niemand ist müde. Niemand dreht sich weg.
Was er sich heute ansieht, hätte ihn vor drei Jahren noch unangenehm berührt. Er weiß das, irgendwo. Er denkt nicht daran. Die Schwelle verschiebt sich so langsam, dass man sie nie überschreiten sieht. Man braucht mehr Stoff. Immer etwas mehr. Das ist das Gesetz.
Was er sucht, ist nicht Lust. Das hat er lange geglaubt, aber es stimmt nicht. Was er sucht, ist dieser eine Moment, kurz vor dem Ende, wenn alles andere aufgehört hat zu existieren. Kein Streit von gestern. Kein Gefühl, nicht genug zu sein. Kein leises Wissen, dass er und seine Frau seit Monaten nicht wirklich geredet haben. Nur dieser Moment, der ihm gehört, der ihn nichts kostet, der ihn nicht bewertet.
Danach: Stille. Das Ziehen in der Brust, das er nicht benennt. Er schließt den Laptop. Er liegt in der Dunkelheit. Der Stoff ist verbraucht. Was bleibt, ist weniger als vorher. Er denkt: Das war das letzte Mal. Er denkt das oft.
Julia
Sie weiß, was sie tut, wenn sie sich anzieht. Das ist keine Kritik – es ist eine Beobachtung, die sie selbst machen würde, sachlich, ohne Scham. Sie wählt das Kleid, das eine bestimmte Wirkung hat. Sie kennt die Wirkung. Sie hat sie oft genug gesehen in den ersten Sekunden, wenn jemand sie anschaut und noch nicht weiß, dass er schaut. Dieser Blick ist der Stoff.
Nicht der Abend danach. Nicht der Sex, nicht die Nähe, nicht das Gespräch – obwohl sie das alles haben wird, wenn sie will. Was sie trägt, wenn sie nach Hause kommt, ist dieser Blick. Dieser eine Moment, in dem sie jemandes ganze Aufmerksamkeit war, kurz und vollständig, bevor er anfängt, sie zu kennen.
Ihre Freundinnen nennen es Selbstbewusstsein. Männer nennen es aufregend. Niemand nennt es Problem – wie auch, wenn alle davon profitieren, auf ihre Art. Die Gesellschaft hat für das, was Julia tut, keine Diagnose. Sie hat Bewunderung.
Aber Julia kennt das Innere dieser Bewunderung. Sie kennt die Erschöpfung danach. Das Gefühl, eine Vorstellung gegeben zu haben, die sie selbst nicht ganz gesehen hat. Das schnelle Ausblenden des Abends, sobald er vorbei ist. Und das leise Wissen, das sie nicht laut denkt: Sie hat den anderen benutzt, so wie sie benutzt wurde, und keiner von beiden hat das gemerkt, und das ist vielleicht das Einsamste daran.
Der Stoff hält nie bis zum Morgen. Also braucht sie neuen. Sie öffnet die App. Schaut, wer online ist.
Die Begegnung
Sie treffen sich nicht dramatisch. Er ist auf derselben App. Ein Foto, ein kurzer Text, sie schreibt zuerst – das tut sie immer, sie wartet nicht gern. Er antwortet schneller, als er selbst erwartet. Zwei Stunden später sitzen sie in einer Bar, die keiner von beiden besonders mag, und reden über Dinge, die keine Rolle spielen.
Er findet sie schön. Das ist das Erste, was er denkt, und es ist ehrlich. Das Zweite, was er denkt, ist: Sie schaut mich an, als wäre ich interessant. Und dieses Gefühl, dieses einfache Gefühl, interessant zu sein für jemanden, der ihn nicht kennt und noch nicht enttäuscht wurde von ihm – es wärmt ihn auf eine Art, die er nicht erwartet hat. Der Stoff, den er sonst allein nimmt, kommt jetzt von gegenüber. Stärker. Wärmer. Gefährlicher.
Sie liest ihn. Das tut sie immer, in den ersten Minuten. Wie er sitzt, wie er zuhört, ob er wirklich zuhört oder nur wartet. Er hört zu. Das ist selten genug, dass sie es bemerkt. Und in diesem Bemerken entsteht etwas, das sich fast wie echtes Interesse anfühlt. Fast.
Später, in seinem Zimmer – seine Frau ist bei ihrer Mutter, das hat er nicht erwähnt, sie hat nicht gefragt – ist es anders als in seinen Bildern, aber auch ähnlicher, als er zugeben würde. Sie ist real. Sie atmet. Sie bewegt sich auf eine Art, die kein Bildschirm vorhersagen kann. Und trotzdem sucht er, irgendwo hinter seinen geschlossenen Augen, denselben Moment. Den Moment ohne Risiko. Den Moment, in dem er nicht bewertet wird.
Sie lässt ihn suchen. Sie ist beschäftigt mit ihrer eigenen Suche. Was sie sucht, ist der Blick, den er ihr am Anfang gegeben hat. Aber der Blick ist jetzt anders – er ist bei sich, nicht bei ihr, und sie spürt das, ohne es benennen zu können. Also arbeitet sie daran, ihn zurückzuholen. Sie tut Dinge, die sie weiß, dass sie wirken. Manche wirken. Und für kurze Momente ist sie wieder da, in seinem Blick, vollständig. Das ist es. Das ist der Moment.
Der Körper ist schön in diesen Momenten. Sex ist schön – das ist keine kleine Sache, das ist real und menschlich und gehört ihnen beiden. Es gibt Augenblicke, in denen etwas Echtes passiert, ein kurzes Aufeinandertreffen, das kein Ritual ist. Aber diese Momente gleiten vorbei, bevor sie sich festigen können, weil keiner von beiden gelernt hat, darin zu bleiben.
Danach liegen sie nebeneinander. Er schaut an die Decke. Sie schaut auf ihr Handy, kurz, als würde sie nur die Uhrzeit checken. Er denkt an nichts Bestimmtes, das leere Rauschen ist wieder da, vertrauter als Stille. Sie denkt: Ich sollte gehen. Nicht weil es unangenehm wäre. Sondern weil das Bleiben der schwierige Teil ist, der Teil, in dem man gesehen wird, wenn man nicht mehr Vorstellung ist. Sie geht. Er bleibt. Eine halbe Stunde später öffnet er den Laptop.
Was zwischen ihnen war
Sie haben sich nicht verfehlt, weil sie schlechte Menschen sind. Sie haben sich nicht verfehlt, weil Sex das Problem ist. Sex ist nicht das Problem. Sex kann Verbindung sein, Freude, Ausdruck von etwas, das Sprache nicht hat. Das, was zwischen Markus und Julia passiert ist, war körperlich real, manchmal sogar schön. Und trotzdem waren beide allein darin.
Weil Sex – wie Alkohol, wie Arbeit, wie Anerkennung, wie jede Substanz, die man zur Strategie macht – aufhört, das zu sein, was es ist, wenn es eine Funktion übernimmt, die es nicht ausfüllen kann.
Markus sucht einen Moment ohne Urteil. Julia sucht einen Blick, der sagt: Du bist genug. Beides sind echte Bedürfnisse. Beides sind menschliche Bedürfnisse. Aber keins von beiden lässt sich von einem anderen Menschen dauerhaft liefern.
Das ist das Paradox der Bestätigungssucht: Sie braucht den anderen, um zu funktionieren. Und sie macht den anderen gleichzeitig unsichtbar. Markus hat Julia nicht wirklich gesehen. Julia hat Markus nicht wirklich gesehen. Sie haben sich gegenseitig als Stoff benutzt – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil das die einzige Sprache war, die beide in diesem Moment kannten.
Sucht sucht Sucht. Nicht weil Menschen böse sind. Sondern weil Leere Leere erkennt und hofft, dass zwei Hälften zusammen vielleicht ein Ganzes ergeben. Sie ergeben es nicht. Aber das lernt man nur, wenn man aufhört zu suchen – und anfängt zu schauen, was da ist, wenn man allein in der Stille sitzt und es aushält.
Sandra & Thomas – Geschwister
Sandra ist vierunddreißig. Sie hat zwölftausend Follower und keine einzige Freundin, die weiß, wie es ihr wirklich geht. Ihr Freund hat sie vor drei Wochen verlassen. Hat gesagt, er habe das Gefühl, sie sei nie wirklich da. Dass er gegen ihr Handy verloren habe. Sie hat geweint. Dann hat sie einen Post darüber geschrieben – nicht über ihn, nicht direkt, aber so, dass man es ahnen konnte. Verletzlich genug für Mitgefühl. Nicht so verletzlich, dass es peinlich wird.
Vierhundert Likes. Siebenundachtzig Kommentare. Der Stoff kam schnell, und er kam reichlich, und für zwei Stunden war der Schmerz erträglich. Dann war es drei Uhr nachts, und sie lag wach, und die Likes waren still, und der Schmerz war wieder da, nur schlimmer jetzt, weil sie ihm etwas gezeigt hatte, das gar nicht für ihn bestimmt war, und er hatte es genommen, weil das Internet immer nimmt, und niemand hatte etwas zurückgegeben, das satt macht. Ihr Bruder hat als Erster kommentiert. Das tut er immer.
Thomas ist dreiundvierzig. Seit zwei Jahren geschieden. Er wohnt in einer Wohnung, die zu groß ist, und arbeitet zu viel, und hilft jedem, der fragt – und manchmal auch denen, die nicht fragen. Sein Stoff heißt: gebraucht werden.
Seine Tochter sagt, er sei der selbstloseste Mensch, den sie kennt. Seine Kollegen sagen es auch. Seine Ex-Frau hat es anders gesagt, kurz bevor sie ging: Du hilfst allen, Thomas. Nur nicht dir selbst. Und wenn ich ehrlich bin – du hilfst auch nicht mir. Du hilfst dir, indem du mir hilfst. Er hat das nicht verstanden. Er versteht es immer noch nicht ganz. Aber der Satz sitzt irgendwo in seinem Brustkorb, und er geht nicht weg.
Er merkt es daran, wie er auf sein Handy schaut, nachdem er jemandem geholfen hat. Ob jemand Danke gesagt hat. Ob jemand zurückgeschrieben hat. Ob er noch gebraucht wird. Dieses Warten auf die Antwort – das ist sein Ritual. So sicher und so zwanghaft wie Markus' Laptop in der Dunkelheit. Meistens wird er noch gebraucht. Das beruhigt ihn. Kurz.
Sandra ruft ihn an einem Dienstagabend an. Sie weint wieder. Es geht nicht mehr um den Freund. Es geht um alles. Sie sagt Sätze, die sie noch nie gesagt hat: Dass sie sich leer fühlt. Dass sie nicht weiß, warum die Likes nicht reichen. Dass sie manchmal das Gefühl hat, es gibt sie nur, wenn jemand zuschaut.
Thomas hört zu. Er hört gut zu, das hat er immer gekonnt. Er sagt die richtigen Dinge. Er fragt die richtigen Fragen. Und irgendwann, nach einer Stunde, hört Sandra auf zu weinen und sagt: Ich weiß nicht, was ich ohne dich täte. Thomas sagt: Ich bin immer da.
Er meint es ernst. Aber in dem Moment, in diesem Satz, passiert etwas, das er sich nicht eingestehen will: ein warmes Ziehen in der Brust, ein leises Aufrichten. Der Stoff trifft ein. Er ist nötig. Er ist der Einzige, der immer da ist. Und das fühlt sich an wie genug. Er schläft in dieser Nacht besser als seit Wochen.
Drei Monate später hat Sandra einen Therapeuten. Der Therapeut stellt eine einzige Frage, die alles verändert. Wen rufen Sie an, wenn es Ihnen schlecht geht? Meinen Bruder. Immer meinen Bruder. Und was passiert mit Ihnen, nachdem Sie aufgelegt haben?
Sandra schweigt. Sie denkt nach. Und zum ersten Mal merkt sie: Nach dem Telefonat fühlt sie sich nicht besser. Sie fühlt sich erleichtert – aber das ist nicht dasselbe. Die Erleichterung kommt nicht, weil der Schmerz verarbeitet ist. Sie kommt, weil jemand zugehört hat. Weil jemand da war. Weil der Stoff geliefert wurde.
Sie hat Thomas als Lieferanten benutzt. So wie ihre Follower. So wie ihren Ex-Freund. Nur verpackt in Geschwisterliebe. Sie ruft Thomas eine Woche lang nicht an. Es ist das Schwerste, was sie seit Langem getan hat.
Thomas merkt es sofort. Er schreibt: Alles okay? Sie antwortet kurz: Ja, danke. Er schreibt: Du meldest dich so selten. Sie antwortet nicht. Er schreibt noch zweimal.
Dann sitzt er in seiner zu großen Wohnung, und die Stille ist da, und sie ist anders als sonst, weil er sie nicht weghören kann, nicht weghelfen kann, nicht wegarbeiten kann. Sandra braucht ihn nicht. Niemand braucht ihn, nicht jetzt, nicht in dieser Stunde, und die Stunde dehnt sich, und er spürt etwas, das er sein ganzes erwachsenes Leben lang zugedeckt hat.
Er greift zum Handy. Schreibt einer Kollegin, die letzte Woche von einem Problem erzählt hat: Ich hab nochmal nachgedacht – kann ich kurz helfen? Sie antwortet nicht sofort. Er wartet. Wartet. Legt das Handy hin. Nimmt es wieder. Wartet.
In diesem Warten – in dieser banalen, stillen, unerträglichen Warterei auf die Antwort einer Kollegin, die er kaum kennt – fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Kein Gedanke. Ein Gefühl. Körperlich, heiß, beschämend: dieses Ziehen, diese Unruhe, dieses Nicht-stillhalten-Können. Dasselbe Ziehen wie damals, als seine Frau sagte, sie gehe. Dasselbe wie an den Abenden, an denen niemand anruft. Dasselbe, immer dasselbe. Er kennt das Gefühl. Er hat es immer Fürsorge genannt.
Beim nächsten Familientreffen sitzen sie nebeneinander. Es ist still zwischen ihnen, auf eine Art, die es nie war. Sandra ist anders – ruhiger, aber nicht kälter. Echter. Sie fragt ihn, wie es ihm geht. Wirklich, nicht als Einstieg in ihr eigenes Thema. Er weiß nicht, was er antworten soll. Er ist es nicht gewohnt, dass jemand fragt und damit meint: Ich frage dich, nicht mich.
Er sagt: Geht so. Und dann, nach einer Pause, sagt er etwas, das er noch nie gesagt hat, zu ihr oder zu irgendjemandem: Ich glaube, ich weiß nicht, wer ich bin, wenn mich niemand braucht.
Sandra schaut ihn an. Sie sagt nichts. Sie nimmt seine Hand. Nicht um ihn zu trösten. Nicht um etwas zu lösen. Nicht um Stoff zu liefern oder Stoff zu nehmen. Einfach da.
Vielleicht ist das der Anfang. Vielleicht nicht. Aber es ist das erste Mal seit dreißig Jahren, dass sie nebeneinander sitzen, ohne dass einer dem anderen etwas liefert. Nur zwei Menschen. Mit derselben alten Leere. Und ohne die gewohnten Mittel, sie zu füllen. Das ist unangenehm. Das ist auch, zum ersten Mal, ehrlich.