Kapitel 6 – Sucht erkennt Sucht

Es gibt Begegnungen, die sich anfühlen wie Erkennen.

Du triffst einen Menschen, und etwas zieht sofort. Nicht immer Verliebtheit – manchmal eine Freundschaft, die in einer Stunde entsteht, manchmal eine Arbeitsbeziehung, in der sich zwei sofort finden, manchmal nur das Gefühl, endlich verstanden zu werden. Es geht schnell, und es geht tief, und beide spüren es. Man nennt es Chemie. Seelenverwandtschaft. Auf einer Wellenlänge sein.

Manchmal ist es das.

Und manchmal ist es etwas anderes, das genauso aussieht – und das Gegenteil ist.


Was sich dort erkennt, ist nicht die Seele. Es ist die Wunde.

Zwei Menschen mit Bestätigungssucht spüren einander über große Entfernung. Nicht bewusst. Der Körper tut es, schneller als der Verstand. Und was er erkennt, ist nicht, dass der andere ihm guttäte. Was er erkennt, ist, dass der andere genau den Stoff liefert, den das eigene Ritual braucht – und genau den Stoff sucht, den man selbst zu geben gelernt hat.

Der Schlüssel passt ins Schloss. Fast von selbst.

Denk an Markus und Julia. Sein Ritual war der Moment ohne Urteil. Ihr Stoff war der Blick, der sagt: Du bist genug. Sie konnte ihm den Blick geben. Er konnte ihr die Aufmerksamkeit geben. Für ein paar Stunden passten zwei Mängel ineinander wie zwei Hälften – und keiner der beiden hat den anderen je gesehen.

Denk an Sandra und Thomas. Sie brauchte jemanden, den sie anrufen konnte. Er brauchte, gebraucht zu werden. Eine perfekte Passung. So perfekt, dass sie dreißig Jahre hielt, ohne dass einer merkte, was lief.


In jeder dieser Begegnungen gibt es zwei Rollen: den Lieferanten und den Empfänger. Aber die Rollen sind nicht fest. Sie wechseln, oft im selben Gespräch.

Der eine erzählt von seinem Schmerz – und ist in diesem Moment Empfänger, er holt sich Trost, Aufmerksamkeit, die Bestätigung, wichtig zu sein. Der andere hört zu, hilft, versteht – und ist Lieferant, und bekommt dabei seinen eigenen Stoff: gebraucht zu werden, der Gute zu sein, der Einzige, der wirklich da ist. Beide nehmen. Beide geben. Beide nennen es Nähe.

Und keiner sieht es, weil es sich anfühlt wie das Schönste, was es gibt. Wie Verstandenwerden. Wie Liebe. Niemand misstraut einem Gefühl, das so warm ist.


Woran erkennst du den Unterschied zwischen Verbindung und Passung?

Nicht am Anfang. Am Anfang fühlt sich beides gleich an – warm, schnell, intensiv. Der Unterschied zeigt sich danach. In dem, was die Begegnung mit dir macht, wenn sie vorbei ist.

Echte Verbindung lässt dich ruhiger zurück. Du gehst nach Hause und bist nicht hungriger als vorher. Du musst nicht prüfen, ob er schreibt. Du trägst etwas mit, das bleibt.

Passung lässt dich hungriger zurück. Kaum ist sie vorbei, beginnt das Rechnen. Wann sehen wir uns wieder? Meint er es ernst? Habe ich genug gegeben? Du bist nicht satt. Du bist angefixt.

Das ist der Lackmustest, und er ist unbestechlich: Macht es dich freier oder abhängiger?


Das soll dich nicht misstrauisch machen gegen jede schnelle Nähe. Es gibt echte Begegnungen, die sofort tief gehen, und sie sind ein Geschenk. Die Frage ist nicht, ob es schnell ging. Die Frage ist, ob es dich nährt oder ob es dich braucht.

Und das Schwerste: Solange du selbst suchst, wirst du Suchende anziehen. Du kannst dir die Menschen nicht aussuchen, solange dein eigener Hunger die Auswahl trifft. Erst wenn der Hunger nachlässt, hast du überhaupt die Wahl, wen du an dich heranlässt.

Die Begegnungen ändern sich nicht, weil du klüger wählst. Sie ändern sich, weil ein anderer Mensch wählt – einer, der nicht mehr beschafft.

Bis dahin lohnt sich nur eine Frage, immer dieselbe, bei jeder Begegnung, die zu schnell zu tief geht:

Erkenne ich gerade einen Menschen – oder erkenne ich eine Quelle?