Kapitel 5 – Wie die Sucht sich tarnt
Die offensichtlichen Formen erkennt man leicht.
Der Laptop in der Dunkelheit. Die Dating-App. Das Zählen der Likes. Wer sich dabei ertappt, weiß meistens, dass etwas nicht stimmt – auch wenn er es nicht ändern kann. Diese Formen tragen ihr schlechtes Gewissen schon im Namen.
Aber die Sucht ist klug. Sie weiß, dass sie in den offensichtlichen Formen gefährdet ist – jemand könnte sie sehen, benennen, stören. Also zieht sie um. Sie sucht sich die Verkleidungen, die niemand kritisiert. Die Formen, für die es Applaus gibt statt Sorge.
Das sind die schwierigsten. Nicht weil sie schlimmer sind. Sondern weil niemand sie dir wegnimmt.
Fürsorge als Lieferweg.
Thomas hilft. Allen, immer, sofort. Seine Tochter nennt ihn den selbstlosesten Menschen, den sie kennt. Und genau das ist die Tarnung: Wer hilft, ist gut. Niemand stellt einen Helfer infrage.
Aber schau, was nach der Hilfe passiert. Das Warten auf das Danke. Das Prüfen, ob zurückgeschrieben wurde. Die Unruhe, wenn niemand ihn gerade braucht. Die Hilfe war echt – und sie war ein Lieferweg. Der Stoff heißt: gebraucht werden. Die gute Tat ist die Spritze.
Das macht das Helfen nicht wertlos. Es macht es nur ehrlich, danach zu fragen: War das für ihn – oder für mich?
Sinn als Stoff.
Es gibt eine edlere Variante davon. Der Mensch, der sich einer Sache verschreibt – einem Projekt, einer Mission, einem höheren Ziel. Er arbeitet bis zur Erschöpfung. Er opfert Schlaf, Gesundheit, Beziehungen. Und alle bewundern seine Hingabe.
Aber manchmal ist das Leiden selbst der Stoff. Der Purpose wird zur Substanz, die alles andere übertönt: die Leere, die Frage nach dem eigenen Wert, die Stille, in der niemand applaudiert. Wer sich für etwas aufopfert, muss sich nicht fragen, ob er genug ist, wenn er nichts leistet. Die Mission beantwortet die Frage, indem sie sie unhörbar macht.
Sinn ist kostbar. Aber Sinn, der dich verzehrt, ist oft nur ein Ritual mit besserem Ruf.
Sichtbarkeit als Ritual.
Sandra postet. Verletzlich genug für Mitgefühl, nicht so verletzlich, dass es peinlich wird. Sie nennt es Offenheit. Authentizität. Sich zeigen.
Und es ist ein Ritual, so verlässlich wie jedes andere. Das Formulieren, das Abwägen, das Abschicken, das Warten. Der Stoff sind die Reaktionen. Was darunter liegt, ist dieselbe alte Frage: Seht ihr mich? Zähle ich? Nur dass die Bühne heute jeder hat und das Publikum nie schläft.
Die Handlung – ein ehrlicher Beitrag – kann dasselbe aussehen wie das Ritual. Der Unterschied liegt nicht im Post. Er liegt darin, was in dir war, bevor du auf Senden gedrückt hast.
Begehrtwerden als Beweis.
Julia kennt ihre Wirkung. Ihre Freundinnen nennen es Selbstbewusstsein, Männer nennen es aufregend. Die Gesellschaft hat dafür keine Diagnose – sie hat Bewunderung. Das ist die perfekte Tarnung: Was alle beneiden, kann doch kein Problem sein.
Aber der Beweis hält nie. Begehrt zu werden sagt einen Moment lang: Ich bin genug. Und dann ist der Moment vorbei, und es braucht den nächsten Blick, den nächsten Beweis, immer wieder. Was wie Macht aussieht, ist Abhängigkeit von der Reaktion anderer. Die Schönste im Raum kann die Hungrigste sein.
Und die raffinierteste Tarnung von allen: Demut als neue Überlegenheit.
Sven hat aufgehört, Likes zu sammeln. Jetzt sammelt er Einsichten. Er arbeitet an sich, er reflektiert, er ist so weit. Und er sucht die Reaktion darauf: Wie reflektiert. Wie mutig. Ich wünschte, ich wäre so weit wie du.
Der Stoff ist derselbe. Er hat nur die edelste Verpackung gefunden, die es gibt – die Verpackung der Genesung selbst. Wer seine eigene Heilung zur Schau stellt, hat einen Weg gefunden, das Muster auszuüben und es gleichzeitig zu überwinden, beides zur selben Zeit, vor Publikum.
Das ist keine Warnung, nicht an sich zu arbeiten. Es ist eine Warnung, die Arbeit nicht zum nächsten Stoff zu machen. Auch dieses Buch kann ein Lieferweg werden, wenn du es liest, um dich danach besser zu fühlen als die, die es nicht lesen.
Du siehst das Problem mit den edlen Formen.
Bei der Dating-App weiß jeder, dass etwas nicht stimmt. Bei der Fürsorge, dem Sinn, der Offenheit, der Demut applaudiert die Welt. Niemand hält eine Intervention ab für den, der zu viel hilft. Der Applaus ist die Tarnung. Und je lauter er ist, desto schwerer ist es, hinter ihn zu schauen.
Deshalb hilft die Frage nach der Form nicht weiter. Es gibt keine süchtige Handlung und keine gesunde Handlung. Es gibt nur die Frage darunter, immer dieselbe, bei jeder Verkleidung:
Was passiert in mir, wenn es ausbleibt?
Wenn niemand Danke sagt. Wenn der Post still bleibt. Wenn keiner schaut, keiner braucht, keiner bewundert. Wenn die Antwort darauf ein Absinken ist, ein Hunger, ein Griff zum nächsten Mittel – dann war es Stoff, ganz gleich, wie edel es aussah.
Und wenn die Antwort ist, dass du noch da bist, auch ohne die Reaktion – dann hast du angefangen, dich nicht mehr zu tarnen.