Kapitel 16 – An andere, und an sich selbst

Schritt 9: »Wir machten bei diesen Menschen direkt Wiedergutmachung, wo immer dies möglich war, außer wenn wir dadurch sie oder andere verletzt hätten.«

Wiedergutmachung ist nicht Entschuldigung.

Eine Entschuldigung ist ein Wort. Sie kann aufrichtig sein, aber sie kostet wenig, und oft sucht sie selbst etwas: dass der andere sagt, schon gut, dass die Last von dir genommen wird. Dann ist die Entschuldigung nur ein weiterer Lieferweg – du gestehst etwas ein, um dich erleichtert zu fühlen, und machst den anderen zum Werkzeug deiner Erleichterung.

Wiedergutmachung ist etwas anderes. Sie ist eine Handlung, und manchmal ist sie wortlos. Sie fragt nicht: Wie werde ich meine Schuld los? Sondern: Was braucht der andere, damit etwas wieder gerade wird?

Manchmal ist das ein Gespräch. Manchmal ist es zurückgegebenes Geld, zurückgegebene Zeit, eine Grenze, die du endlich respektierst. Und manchmal ist die ehrlichste Wiedergutmachung, dass du den anderen in Ruhe lässt.


Wo immer dies möglich war, außer wenn wir dadurch sie oder andere verletzt hätten.

Dieser zweite Teil des Schrittes ist kein Schlupfloch. Er ist Schutz. Es gibt Wiedergutmachung, die mehr dir dient als dem anderen – das Geständnis einer Affäre, das dein Gewissen entlastet und den anderen mit einer Wahrheit zurücklässt, die er nie gebraucht hat. Das Aufwärmen einer Sache, die der andere längst hinter sich gelassen hat, nur weil du noch etwas abzuladen hast.

Die Frage ist immer: Für wen tue ich das? Wenn die Antwort ehrlich heißt: für meine Erleichterung – dann ist es keine Wiedergutmachung. Dann ist es Beschaffung mit neuem Etikett.

Manchmal ist die schwerste und reifste Wiedergutmachung, etwas nicht zu sagen. Es zu tragen, statt es abzugeben. Und stattdessen anders zu leben.


Die tiefere Wiedergutmachung ist nicht das Gespräch. Sie ist, wer du danach bist.

Du kannst jedem auf deiner Liste begegnen und die richtigen Worte sagen – und trotzdem in dasselbe Muster zurückfallen, sobald die Bestätigung ausbleibt. Dann war das Gespräch eine Geste. Die echte Wiedergutmachung zeigt sich erst über die Zeit: dass du den Menschen, dem du Nähe vorgespielt hast, heute nicht mehr benutzt. Dass du den, den du als Lieferanten hattest, heute als Menschen siehst. Dass dein Leben selbst die Korrektur ist, nicht ein Satz, den du einmal gesagt hast.


Und dann der Name, der zuletzt auf der Liste stand: du.

Du hast jahrelang gegen dich selbst gearbeitet. Du hast dich verbogen, bis es wehtat. Du hast deine Bedürfnisse verleugnet, deine Meinung verschwiegen, dich kleiner gemacht, lauter, nützlicher – je nachdem, was den Stoff brachte. Du hast einen Menschen verraten, immer wieder, und dieser Mensch warst du.

Die Wiedergutmachung an dich selbst ist keine Selbstfürsorge im weichen Sinn. Sie ist konkreter. Sie heißt: aufhören, dich zu benutzen. Aufhören, deine Existenz von der nächsten Reaktion abhängig zu machen. Dir die Zuwendung geben, die du immer von draußen erpresst hast – nicht als Bestätigung, sondern als schlichte Erlaubnis, da zu sein.

Das lernt man nicht in einem Gespräch. Das lernt man in der täglichen Praxis. Und die hat einen Ort, an dem sie geübt wird: in der Stille, allein, wenn niemand schaut.


Sandra & Thomas

Sandra hatte sich eine Rede zurechtgelegt. Es tut mir leid, dass ich dich benutzt habe. Dass jeder Anruf, wenn es mir schlecht ging, in Wahrheit eine Bestellung war. Sie hätte es gut gesagt, mit den richtigen Pausen, und Thomas hätte es entgegengenommen und getröstet, und am Ende wäre die Erleichterung wieder bei ihr gewesen und die Arbeit bei ihm. Eine letzte Lieferung, als Entschuldigung verkleidet.

Sie hielt die Rede nicht.

Stattdessen rief sie ihn an einem Abend an, an dem es ihr gut ging. Kein Anlass, keine Krise, kein Weinen. Sie fragte, wie es ihm gehe – und meinte ihn, nicht sich. Sie hörte zu, als er zögerte, weil er die Rolle nicht kannte, in der jemand ihn fragte und die Antwort wirklich wollte.

Das war die Wiedergutmachung. Nicht der Satz „Es tut mir leid“. Sondern der Anruf ohne Bedürftigkeit. Der Beweis, über Wochen, über Monate, dass sie ihn nicht mehr als Automaten brauchte, der Trost ausgibt, wenn man die richtige Münze einwirft.

Am anderen Ende war Thomas still. Er wartete, wie er immer wartete, auf das Problem, das gleich kommen würde, damit er nützlich sein konnte. Es kam nicht. Und in diesem Nicht-Kommen saß er in seiner zu großen Wohnung und musste zum ersten Mal aushalten, dass seine Schwester ihn anrief, weil sie ihn mochte. Nicht, weil sie ihn brauchte.

Es war unangenehm für beide. Es war auch, zum ersten Mal, sauber.