Kapitel 17 – Abstinenz – aber wovon?
Schritt 10: »Wir setzten die persönliche Inventur fort und gaben, wenn wir uns irrten, dies sofort zu.«
Es gibt eine Frage, die fast jeder irgendwann stellt, der merkt, dass er ein Problem mit Bestätigung hat.
Die Frage lautet: Was genau soll ich lassen?
Bei Alkohol ist die Antwort einfach. Bei Heroin. Bei Glücksspiel. Der Stoff ist klar benennbar, die Grenze ist klar ziehbar. Du nimmst es – oder du nimmst es nicht.
Bei Bestätigungssucht geht das nicht.
Du kannst nicht aufhören, Nachrichten zu empfangen. Du kannst nicht aufhören, gesehen zu werden. Du kannst dich nicht aus menschlichen Beziehungen verabschieden und das Genesung nennen. Du brauchst Bestätigung – wie jeder Mensch sie braucht. Sie ist kein Gift. Sie ist Nahrung.
Also lautet die Frage nicht: Wie höre ich auf, Bestätigung zu bekommen?
Die Frage lautet: Wovon genau werde ich abstinent?
Was der Stoff wirklich ist
Bestätigung ist das Vehikel. Nicht der Stoff.
Der Stoff – das, was die Sucht wirklich sucht, was das Ritual liefern soll, was für einen kurzen Moment alles in Ordnung bringt – ist ein Gefühl. Ein einziges, sehr spezifisches Gefühl:
Ich bin genug. Jetzt. In diesem Moment. Ohne Bedingung.
Das ist es, was der Blick liefert. Die Nachricht. Der Like. Das Lob vom Chef. Das Gebrauchtwerden. Der Purpose, für den man auf alles verzichtet. Kurz, heiß, unbestreitbar – und dann weg.
Das Gefühl selbst ist nicht das Problem. Es ist das Ziel. Es ist gesund, sich genug zu fühlen. Es ist menschlich, dieses Gefühl zu wollen.
Das Problem ist die Überzeugung, die sich darunter eingenistet hat: dass dieses Gefühl nur von außen kommen kann. Dass man darauf warten muss. Dass man es verdienen, erzwingen, erschleichen muss.
Das ist der eigentliche Stoff. Nicht die Bestätigung selbst. Sondern die Abhängigkeit von der externen Quelle als einziger Quelle.
Was Abstinenz hier bedeutet
Abstinenz bei Bestätigungssucht bedeutet nicht: keine Bestätigung mehr empfangen.
Es bedeutet: keine Bestätigung mehr beschaffen.
Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
Beschaffen heißt: das Leben darauf ausrichten. Das Ritual. Die Jagd. Das Verbiegen, das Warten, das Posten in der Hoffnung auf Reaktion, das Helfen als Lieferweg, der Purpose als Tarnung. Das aktive Organisieren der eigenen Existenz um die nächste Dosis.
Davon wird man abstinent.
Nicht vom Empfangen. Vom Jagen.
Nicht vom Gefühl. Von der Strategie, es zu erzwingen.
Die Bottom Lines – und warum sie nicht reichen
In der SLAA – der Selbsthilfegemeinschaft für Sex- und Liebessucht – gibt es das Konzept der Bottom Lines. Jeder definiert für sich, welche konkreten Verhaltensweisen er abstinent halten will. Kein Sex mit Fremden. Keine romantischen Nachrichten an Ex-Partner. Kein Daten für drei Monate.
Das ist ein wichtiges Werkzeug. Es schafft Klarheit. Es macht das Vage konkret. Es gibt dem Willen etwas, woran er sich festhalten kann.
Aber es ist ein Zwischenschritt – kein Ziel.
Wer nur die Bottom Lines hält, hat aufgehört, bestimmte Rituale zu vollziehen. Er hat noch nicht aufgehört, den Stoff zu suchen. Er hat den Weg zum Dealer gesperrt – aber der Hunger ist noch da, unberührt, wartend.
Das merkt man daran, wie es sich anfühlt, die Bottom Line zu halten. Wer sie hält, weil er nicht mehr will – weil er die innere Quelle gefunden hat, die das Beschaffen überflüssig macht – der hält sie leicht. Nicht mühelos, aber mit einer Art innerem Einverständnis.
Wer sie hält, weil er sich zwingt – weil der Drang noch genauso brennt wie vorher, er ihn nur nicht mehr ausführt – der wird früher oder später einen anderen Weg zum Stoff finden. Einen, der noch nicht auf seiner Liste steht.
Bottom Lines sind der Anfang der Abstinenz. Nicht ihr Inhalt.
Das Muster erkennen – nicht nur die Handlung
Hier liegt der Unterschied zwischen Suchtprogrammen, die auf Verhaltensebene arbeiten, und dem, was tatsächlich hinunterreicht.
Die Frage ist nicht: Habe ich gepostet?
Die Frage ist: Was war in mir, bevor ich gepostet habe?
War da eine Anspannung? Ein Ausrichten? Das leise Gefühl, sich in Position zu bringen, den Raum vorzubereiten, damit jemand schaut?
Oder war da etwas zu sagen – und der Post war der Weg, es zu sagen, und die Reaktionen dürfen kommen oder ausbleiben?
Die Handlung ist dieselbe. Das Innere ist grundverschieden.
Dasselbe gilt für jeden anderen Bereich. Für die Arbeit, die zur Selbstgefährdung wird. Für die Fürsorge, die Zuwendung kaufen soll. Für den Verzicht, der Überlegenheit erzeugt. Für das Nicht-Schreiben, das eine Tabelle führt.
Abstinenz, die nur die Oberfläche berührt, regelt das Verhalten. Abstinenz, die hinunterreicht, verändert die Frage.
Nicht mehr: Wie bekomme ich es?
Sondern: Brauche ich es noch auf diese Weise?
Was man sich wirklich nicht leisten kann
Es gibt einen Satz, den viele Sponsoren sagen und der in seiner ursprünglichen Absicht stimmt, aber leicht missverstanden wird:
Wut können wir uns nicht leisten. Ressentiments können wir uns nicht leisten.
Was damit gemeint ist: Diese Zustände führen direkt in den Mechanismus. Wut braucht Bestätigung – jemanden, der sagt, du hattest recht. Ressentiment braucht Zeugen. Selbstmitleid braucht jemanden, der tröstet. Diese Zustände sind Beschaffung in Verkleidung.
Was damit nicht gemeint ist: Wut dürfen wir nicht fühlen.
Wut ist kein Charakterdefekt. Wut ist Information. Sie sagt: Hier wurde eine Grenze verletzt. Hier stimmt etwas nicht. Hier ist etwas Wichtiges.
Wer Wut verbietet, drückt sie weg – und sie kommt als Ritual wieder raus. Als passive Aggression. Als Distanz. Als Purpose, der bis zur Selbstgefährdung getrieben wird, weil das Leiden selbst zum Stoff wird.
Was man sich nicht leisten kann, ist Wut, die man nicht anschaut. Wut als Dauerzustand. Wut als Rechtfertigung dafür, die Tabelle wieder aufzustellen.
Der Unterschied ist entscheidend: Gefühle fühlen – ja. Gefühle als Beschaffungsstrategie benutzen – das ist das, wovon man abstinent wird.
Was bleibt
Wenn man aufgehört hat zu beschaffen – was bleibt dann?
Diese Frage macht Angst. Weil die Sucht so lange das Leben organisiert hat, dass man sich nicht vorstellen kann, wie es ohne sie aussieht. Was man tut, wenn niemand schaut. Wer man ist, wenn niemand braucht. Was den Tag trägt, wenn kein Ritual ihn strukturiert.
Was bleibt, ist nicht Leere.
Was bleibt, ist das, was die Sucht die ganze Zeit zugedeckt hat: die eigene Existenz. Das Gefühl, schon da zu sein, bevor jemand schaut. Schon genug zu sein, bevor jemand antwortet. Schon verbunden zu sein – mit der höheren Macht, wie man sie versteht, mit dem Leben selbst, mit dem, was größer ist als das Ich, das sich erschöpft daran abarbeitet, sich zu beweisen.
Das lernt man nicht durch Einsicht.
Das lernt man durch Praxis. Durch die tägliche Entscheidung, den Drang zu benennen und nicht zu folgen. Durch die Stille, die unangenehm ist, und das Aushalten, das irgendwann leichter wird. Durch Schritt 11, der jeden Morgen neu beginnt.
Abstinenz bei Bestätigungssucht ist kein Zustand. Es ist eine Richtung.
Man bewegt sich darin – täglich, unvollständig, real.
Sven
Der Beitrag war schon halb getippt. Etwas über Rückfälle, ehrlich gehalten, verletzlich – wie ich gestern doch wieder in mein altes Muster geriet, und was ich daraus lernte. Der Daumen lag über dem Senden.
Er hielt inne. Nicht, weil eine Regel es verbot. Sondern weil er die Frage gelernt hatte, die Schritt 10 stellt: Was ist in mir, bevor ich das tue?
Er schaute nach. Und da war es, das feine Ausrichten, das Vorbereiten des Raums. Die Reflexion war echt. Und sie suchte einen Blick. Sieh, wie offen er mit seinen Rückfällen umgeht. Sieh, wie weit. Der Stoff hatte nur die edelste Verpackung gefunden, die es gibt – die Verpackung der Genesung selbst.
Er löschte den Beitrag nicht mit großer Geste. Er legte das Handy hin. Das war alles. Kein Sieg, keine Erleuchtung. Nur ein Mann, der seinen eigenen Griff bemerkt hatte und ihm diesmal nicht folgte.
Er ist nicht geheilt. Das ist der Punkt bei Sven, und er weiß es besser als jeder. Der Drang, aus der Heilung selbst einen Beweis zu machen, meldet sich weiter, fast täglich. Was sich geändert hat, ist nur die Sekunde dazwischen – der Raum zwischen dem Impuls und der Hand, in dem er heute nachschauen kann, wessen Plan er gerade folgt.
Manchmal folgt er ihm trotzdem. Dann gibt er es zu, sich selbst, sofort, und macht weiter. Auch das ist Schritt 10.