Epilog – Die Sorge des Enkels
Jakob hatte, solange er denken konnte, im Haus seiner Großeltern gewohnt, und solange er denken konnte, war ihm die Arbeit nicht ausgegangen. Es war eine eigentümliche Einrichtung dieses Hauses, dass die Aufgaben sich nicht abtragen ließen wie anderswo, sondern sich erneuerten, ja vermehrten, je gewissenhafter man sie erledigte. Hatte Jakob das Holz geschichtet, so verlangte der Ofen nach dem Holz; brannte der Ofen, so musste der Kessel aufgesetzt werden; pfiff der Kessel, so war es Zeit für den Tee, und mit dem Tee begann, da die Großeltern beim Trinken zu reden pflegten, die Aufzählung dessen, was noch zu tun sei. Jakob hörte diese Aufzählung nicht ungern. Sie war ihm der Beweis, dass man ihn brauchte, und dieser Beweis war das Einzige im Haus, worauf er sich verlassen konnte.
Die Großeltern waren alt, von einer Zerbrechlichkeit, die ihn erschreckte, wenn er sie ansah, weshalb er sie selten ansah. Er trug eine Überzeugung in sich, die ihm niemand je ausgesprochen hatte und die gerade deshalb unerschütterlich war: dass ihr Atem mit seiner Bewegung zusammenhing. Solange er ging, trug, schichtete, rührte, ging auch ihr Atem. Bliebe er stehen — wirklich stehen, nicht das kurze Innehalten zwischen zwei Verrichtungen, das er sich zugestand wie ein Beamter den Blick aus dem Fenster —, so würde drüben im Zimmer etwas aussetzen. Er hatte diese Überzeugung gelernt, wie man eine Muttersprache lernt: nicht aus Regeln, sondern aus dem Tonfall, mit dem über ihn verfügt worden war, ehe er sich wehren konnte. Man kann gegen eine Muttersprache nicht aufbegehren. Man kann höchstens eine fremde dazulernen, und wer hätte sie ihm beibringen sollen.
Ein Bekannter, der in einer fernen Stadt lebte und den Jakob nie gesehen hatte, schrieb ihm seit einiger Zeit Briefe. Die Briefe waren kurz und enthielten im Grunde immer dieselbe Zumutung: Jakob möge sich für zwanzig Minuten setzen und nichts tun. Nicht lesen, nicht beten, nicht planen; sitzen. Jakob antwortete jedes Mal, er werde es gerne tun, morgen schon, heute leider nicht, denn heute sei der Arzt im Haus gewesen, oder das Dach habe getropft, oder die Großmutter habe nach ihm gerufen, ohne etwas zu wollen, was die dringendste Form ihres Rufens war. Er log dabei nicht. Es war tatsächlich immer etwas. Das Haus sorgte dafür, und Jakob war dem Haus für diese Fürsorge dankbarer, als er sich eingestand.
Nachts aber, wenn die Großeltern schliefen, stand Jakob zuweilen im Korridor und atmete. Es war das einzige Geschäft, das er um diese Stunde hatte, und er betrieb es vorsichtig, denn die Dielen berichteten dem Haus jede seiner Regungen, und das Haus, da war er sicher, berichtete weiter. In diesen Stunden geschah etwas Sonderbares mit ihm: Er begann zu existieren. Es war kein angenehmes Gefühl, eher das Prickeln eines Gliedes, das lange abgeschnürt war und in das nun das Blut zurückkehrt; man nennt es Erwachen und meint Schmerz. Manchmal sah er in diesen Nächten für einen Augenblick ein Leben vor sich, das seines hätte sein können, mit einer Arbeit in der fernen Stadt und einem eigenen Kessel, der nur pfiff, wenn er selbst es wollte. Dann drehte er sich rasch zur Wand, denn solche Bilder hielt er für die gefährlichste Form des Müßiggangs.
Einmal jedoch, nach einem Brief, der kürzer gewesen war als alle vorigen, setzte er sich. Er wählte den Stuhl in seiner Kammer, stellte die Uhr und legte die Hände auf die Knie. Nach zehn Minuten pfiff in der Küche der Kessel, obwohl Jakob sich nicht erinnern konnte, ihn aufgesetzt zu haben; vielleicht hatte er es getan, ohne es zu wissen, denn das Haus bediente sich seiner Hände seit langem ohne den Umweg über seinen Kopf. Er stand auf, nahm den Kessel vom Feuer und setzte sich wieder, und nun kam, pünktlich wie ein bestellter Bote, die Angst. Sie sagte nichts Neues. Sie sagte nur, was sie immer sagte: dass in diesem Augenblick, da er hier saß und nichts tat, drüben der Atem des Großvaters stockte, und dass man es ihm anrechnen würde, mit Recht anrechnen würde, denn wozu war er sonst im Haus.
Jakob blieb sitzen. Er hätte nicht sagen können, woher er die Kraft nahm; vielleicht war es keine Kraft, sondern bloß eine Erschöpfung, die endlich größer war als der Gehorsam. Er saß und horchte, und durch die Wand kam der Atem des Großvaters, gleichmäßig, gleichgültig, als wäre nie etwas anderes behauptet worden. Es geschah nichts. Die Uhr schnurrte ab, und es war nichts geschehen.
Ein anderer wäre nun vielleicht aufgesprungen und hätte gelacht, oder geweint, oder die Briefe des Bekannten geküsst. Jakob saß noch eine Weile reglos, denn er hatte begriffen, dass das Nichts, das eben geschehen war, das Furchtbarste war, was ihm hätte begegnen können. Wenn nichts geschah, sobald er saß — was war dann in all den Jahren geschehen, in denen er nicht gesessen hatte? Nichts, antwortete die Stille; eben nichts. Die Jahre lagen hinter ihm wie ein Dienst, dessen Behörde es nie gegeben hatte, und niemand würde kommen, ihm die Papiere abzustempeln.
Er stand auf, ging in die Küche und setzte den Kessel auf, obwohl niemand Tee verlangt hatte. Er wartete neben dem Herd, bis das Pfeifen begann, und es war ihm dabei, als riefe ihn endlich wieder jemand beim Namen.
Am Morgen sah die Großmutter ihn lange an, wie man ein Werkzeug ansieht, das über Nacht an einem anderen Platz gelegen hat. Sie sagte nichts, und Jakob sagte nichts, und das Haus verteilte die Aufgaben des Tages. Nur nachts steht Jakob jetzt häufiger im Korridor, und wer um diese Stunde durch das Haus ginge, sähe einen Mann, der lebt. Aber es geht niemand durch das Haus.